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Ja
Lanz ./. Wagenknecht: Antwort des ZDF auf meine Beschwerde
20.01.2014 21:55

Auf meine Beschwerdemail (siehe voriger Blogartikel) hat das ZDF geantwortet - mit einem Standardschreiben, das der Sender offenbar an die meisten Kritiker versendet hat (siehe bspw. HIER). Folgend meine Antwort auf diese Bankrotterklärung öffentlich-rechtlicher Staatsverantwortung und am Ende ZDF-Schreiben und meine Antwort als PDF:

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Sehr geehrte Damen und Herren

zunächst vielen Dank für die Reaktion auf meine Beschwerdemail zur Sendung von Markus Lanz vom 16.01.2014.

Allerdings sagt Ihre Antwortmail nichts anderes aus als „mag sein, dass Sie Recht haben, wir machen aber weiter so“. Nichts mehr, als eine konziliant formulierte Frechheit. Eine Standardmail, weil Ihre Redaktion von Beschwerden überhäuft wurde?

Ihre Rechtfertigungsversuche sind unhaltbar, aus folgenden Gründen:

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- Sie sehen positiv ein persönliches Engagement und eine persönliche Meinung von Lanz

- Ich meine:

In seinem Urteil aus 2007 stellte das Bundesverfassungsgericht u.a. fest, dass dem Rundfunk Breitenwirkung und Suggestivkraft zukomme und dass die Rundfunkanstalten vor dem Hintergrund des Artikels 5 GG eine besondere Verantwortung trügen. Insbesondere die dem Rundfunk innewohnende Suggestivkraft wird einseitig verschärft, wenn Moderatoren bestimmen, was in einer Diskussionsrunde die Wahrheit sein soll. Denn von einem Moderator wird erwartet, dass er Meinungen moderiert, sodass der Kernauftrag öffentlich-rechtlichen Fernsehens - nämlich die Meinungs- und Willensbildung - erfüllt wird.

Wenn nun aber ein Moderator parteiisch wird, suggeriert er dem Publikum, seine Meinung sei auch die des Senders; denn immerhin wird der Moderator vom Sender engagiert und von dessen Redaktion geleitet, der Moderator repräsentiert den Sender also gewissermaßen mit seinem Format. Schlimmer noch: Manch einer mag glauben, dass die Meinung des Moderators wahrscheinlich die richtige sei, wenn ihm der Sender schon Rückendeckung gibt - im Umkehrschluss: Die Meinung des Studiogastes ist zu vernachlässigen; denn selbst der Sender schätzt dessen Meinung offenkundig gering.


- Sie sehen positiv ein Hinterfragen von Argumenten / eine verständliche Darstellung / bestenfalls einen unangemessenen Grad der Hartnäckigkeit bei Lanz

- Ich meine:

Was Lanz in der betreffenden Sendung vollführte, war nichts von dem, was Sie mit vorgenannten Euphemismen schönzureden versuchen.

  • Beispiel:

    Wenn eine Frau Wagenknecht einleitend zur Beantwortung von Lanzens Frage mitteilt, sie sei fünf Jahre Europaabgeordnete gewesen und Herr Lanz bereits an dieser Stelle mit der Folgefrage „Wieviel haben Sie da verdient“ einschneidet, dann zeigt das nur eines: Lanz versuchte eine interessante Antwort durch irreführende Zwischenfragen zu vereiteln. Zwischenfragen, die absolut irrelevant sind; denn Frau Wagenknecht hat logischerweise dasselbe im EU-Parlament verdient, wie eine Frau Koch-Mehrin und jeder andere EU-Parlamentsabgeordnete. Nur EIN Unterschied besteht: Frau Koch-Mehrin ist in der FDP, als solche darf sie unkommentiert im EU-Parlament Geld verdienen und Herr Lanz findet die FDP toll. Und das ZDF vielleicht auch - zumindest versucht Ihr Sender noch nichteinmal, den Geruch von Parteienhudelei bzw. Parteihetze von sich zu weisen, wenn er gerechtfertigt kritisiert wird. Eine beredte Schweigsamkeit.

     
  • Weiteres Beispiel:

    Lanz fragt Frau Wagenknecht, was sie denn während ihrer EU-Abgeordnetenzeit gemacht habe. Sie wollte daraufhin über ihre Tätigkeit als Kritikerin vieler Zustände innerhalb der EU ausführen - dies quittierte Lanz jedoch wortabschneiderisch mit der Feststellung, er habe davon nichts mitbekommen. Was soll das bedeuten? Haben Dinge nicht stattgefunden, wenn ein Herr Lanz sie nicht mitbekommen hat? Was für eine Anmaßung! Was für eine manipulative Art, den Zuschauern zu suggerieren, eine Europaparlamentsabgeordnete habe nichts geregelt bekommen, wenn ein Herr Lanz davon nichts gehört habe. Entweder weiß Lanz nicht, dass das EU-Parlament systembedingt kaum etwas ausrichten kann, oder er wollte Frau Wagenknecht schlecht dastehen lassen. Beides ist die GEZ-Gebühr nicht wert, die die Zuschauer zahlen müssen und beides ist zutiefst unredlich.


Sie rechtfertigen Herrn Lanz, wo es nur geht und auch dort, wo es definitiv nicht mehr geht. Wenn Sie schreiben, „gerade die Diskussionen zwischen Sahra Wahenknecht und Markus Lanz sind immer wieder von einer besonders intensiven Auseinandersetzung geprägt“ zeigt das zweierlei:

  • Erstens ist Ihnen bewusst, dass Lanz insbesondere die LINKE besonders intensiv angeht, also offen parteiisch ist (wo bleibt hier die Rücksicht auf Ihren Sendeauftrag als ö.r. Sender?)
     
  • Zweitens adeln Sie journalistische Lynchbefragung als „Diskussion“, die eben überhaupt gar nicht stattfand: Lanz fuhr Frau Wagenknecht immer wieder über den Mund und ließ auch einen Herrn Jörges als Talkgast kräftig dreinschlagen, der zudem punktuell noch scharf an der Grenze zur persönlichen Diffamierung entlangschrammte. Wenn schon so ein hyperaktiver Jörges gegen die LINKE das Wort führen darf - wieso ist ein Moderator dann nicht in der Lage, seine eigene Abneigung zurückzunehmen? Dass Ihr Sender sowas auch noch „Diskussion“ nennt und dies auch noch in Textform in die Öffentlichkeit zu entlassen wagt, lässt mich erschüttert fragen, inwiefern das ZDF überhaupt noch in der Lage zur kritischen Reflexion und zu ausgewogener Sendeleistung ist.

- Sie sehen positiv, dass unmittelbar nach der Sendung eine fortgesetzte Diskussion zwischen Lanz & Wagenknecht stattfand und Frau Wagenknecht in keiner Weise unzufrieden gewesen sei

- Ich meine:

Finden Sie nicht, dass es irrelevant ist, was nach irgendeiner Sendung zwischen den Akteuren von der Öffentlichkeit ungesehen weiterdiskutiert wird, wenn sich Zuschauer lediglich auf das beziehen können, was sie auch tatsächlich sahen? Meine Kritik galt ohnehin weniger der Frage, ob Frau Wagenknecht sich wohlgefühlt hat, als vielmehr der Frage, ob das ZDF ernsthaft hinter dieser Art der tendenziösen Lanztalkerei steht. Dass Frau Wagenknecht ihre Positionen gerade noch hinreichend darlegen konnte, ist einzig dem Umstand zu verdanken, dass diese Politikerin eine hochkonzentrierte und kluge Frau ist, die beachtlicherweise ihre Fassung bewahren konnte. Nichts desto weniger ist sie sowohl vom Moderator als auch von Herrn Jörges unverhältnismäßig aggressiv in Beschlag genommen worden und das wird einem gebührenfinanzierten Sender mit dem Anspruch, das mediale Korrektiv in der Gesellschaft darstellen zu wollen, in keiner Weise gerecht.

Falls Sie es nicht bemerkt haben: Frau Wagenknecht hat durch ihre ausgeglichene Art sowohl ihren Sender als auch Markus Lanz als tendenziös bloßgestellt. Markus Lanz und Herr Jörges warfen Frau Wagenknecht schrilltönigen Populismus vor und taten dies in einer noch viel schrilleren und populistischeren Weise, als man es der LINKEN als Partei an einigen Stellen vielleicht tatsächlich vorwerfen könnte.

Lanz verstieg sich sogar dazu, sein Publikum schlechtzureden, nachdem es zu einem Statement von Frau Wagenknecht applaudierte:

Lanz bescheinigte seinem Publikum – Ihrem Publikum, liebe ZDF-Zuschauerredaktion! -, dass es auf den schrillen Populismus von Frau Wagenknecht hereinfalle, mithin also zu dumm sei, Populismus zu erkennen und folglich der Irreführung von Frau Wagenknecht applaudierend auf den Leim zu gehen.

Und all das rechtfertigen Sie, sehr geehrte Damen und Herren, damit, zu sagen, die „Debatte“ sei „sicherlich“ an einigen Stellen schärfer geworden als geplant oder notwendig - dies sei Ihnen aber auch erst in der Nachbetrachtung erkennbar geworden. Wenn ich mich im Internet umschaue, ist sehr vielen Zuschauern das schon nach 2 Minuten „Debatte“ zwischen Lanz und Wagenknecht übel aufgestoßen...

Ich bin enttäuscht, zur Kenntnis nehmen zu müssen, dass Ihr Sender weder in der Lage ist, eine Talkshow anzubieten, die dem ö.r. Rundfunkauftrag gerecht wird, noch in der Lage ist, auf berechtigte Kritik eine angemessene und selbstkritische Antwort zu formulieren. Wie ich oben bereits schrieb: Ihre Antwort ist eine konziliant formulierte Frechheit und in meinen Augen eine Bankrotterklärung öffentlich-rechtlicher Staatsverantwortung. Und dies auch noch als Standard-Antwort zur Sache, als Textbaustein zur Massenverwendung! Wer so einen public-relation- Fehlgriff in Ihrer Redaktion zur Veröffentlichung freigegeben hat, gehört abgemahnt oder versetzt.

Solange das Zweite Deutsche Fernsehen in vorgenannten Dingen ständig ein Auge zudrückt, sieht man ohne das Zweite besser, als mit ihm. Wenn ich journalistische Schlechtleistungen schauen möchte, kann ich Privatsender einschalten - vom gebührenfinanzierten öffentlich- rechtlichen Fernsehen erwarte ich, erwartet die Gesellschaft mehr!

Mit freundlichen Grüßen

Günther Pagel

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Die Mail des ZDF inklusive meiner Antwort darauf HIER als PDF.

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