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Dieter Nuhr: So wenig Satiriker wie Lanz ein Moderator
29.01.2014 10:34

Dieter Nuhr findet, dass die Aufregung über Lanz' Moderationsstil in der Talkshow "Markus Lanz" nicht mehr sei, als "digitales Mobbing, binäre Erregung und Onlinepetitionswahn" und stellte dies mit einer Petition FÜR Markus Lanz ins Netz. Nuhr, der bislang als Comedian ein halbwegs amüsantes Programm bot, empfindet sich offenbar als Satiriker, seit er bei der ARD die Sendung "Satiregipfel" moderieren darf. Dass Nuhr alles andere als ein Satiriker ist, soll dieser Beitrag herauszeichnen.

Dass er als Satiriker eine Fehlbesetzung ist, liegt auf der Hand, wenn man Nuhr's Haltung zum politischen, gesellschaftlichen Geschehen mit der eines Dieter Hildebrandt vergleicht:

Das ist der Kernpunkt, an dem Nuhr sich als alles offenbart, nur nicht als Satiriker. Während es Dieter Hildebrandt aufregt, dass sich niemand aufregt und er noch sterbenskrank vor seinem Tod den störsender.tv aufgeregt ins Leben rief, möchte Dieter Nuhr uns mitteilen, dass jeder, der sich aufregt (und wann passiert das schonmal in Deutschland?) einer ist, der sich einem Mob anschließt, der ziellos jemanden lynchen möchte und schlechthin unzivilisiert ist, ja, sogar "prähistorisch" ist. 

Ich stellte Dieter Nuhr via Facebook darum auch folgende Frage:

Satiriker sind meist intelligent - Comedians sind dies tendenziell eher weniger...

Nuhr wagt sich in Bereiche vor, die etwas mehr Reflexion und Kenntnis erfordern, als das Brüten über den nächsten Frauen- oder Vegetariergag oder das Berichten aus Zeitungen mit Titeln wie "Feuerwehr muss Penis aus Toaster befreien". Und er scheitert.

Wie bodennah muss der Intelligenzquotient angesiedelt sein, wenn Nuhr folgendes antwortet:

  • Frage der Berliner Zeitung:
    "Ist das Internet ein guter Ort der öffentlichen Auseinandersetzung?"
     
    • Antwort Nuhr: 
      "Ich glaube, die breite Öffentlichkeit sieht erheitert zu und fragt sich, was die da treiben."

Aha. Das Internet ist also nicht Teil der breiten Öffentlichkeit... Auf die Frage hin, wie Nuhr auf die Idee seiner Onlinepetition gegen die Lanz-Petition gekommen sei, antwortete er:

"Unter der Dusche. Ich bin ja kein strategischer Denker, sondern eher spontan." [ebenfalls Berliner Zeitung]

Genau, Dieter: Du bist eher so ein Spontaner und kein strategischer Denker. Und das ist Grund Nummer zwei, warum Du kein Satiriker, sondern lediglich ein Gaukler, ein "Comedian" bist: Für Satire muss man strategisch denken können, komplexe Sachverhalte analysieren, bescheidwissen und auf Messers Schneide Inhalt und Humor miteinander verbinden. Ein Aufklärer sein. Du bist das Gegenteil.

Warum Onlinepetitionen keinen gefährlichen Lynchmob darstellen

Ohnehin: Nuhrs Petitionen und die weiteren ihr ähnlichen erreichten nicht annähernd die Masse an Stimmen innerhalb kürzester Zeit, wie sie die Petition gegen Lanz erreichte: Dies widerlegt Nuhrs These, dass es so leicht sei, "anonyme Massen" in falsche Bahnen zu lenken und damit einen Lynchmob veranstalten zu können.

Onlinepetitionen - insbesondere die bei openpetition -  sind derjenige Ausdrucksweg des Bürgerwillens, den er mangels direkter Demokratieelemente sonst nur noch in Form von Demonstrationen suchen kann. Und Demonstrationen sind schwierig zu organisieren, zumal es eigentlich nicht die Aufgabe von Bürgern mittels Demonstrationen ist, sich bei der Politik Gehör zu verschaffen, sondern es die Aufgabe der Politik ist, den Bürgerwillen zu erkennen und umzusetzen. Wo erkennt Dieter Nuhr also das Problem, wenn Bürger sich über das Internet äußern? Bzw. wieso erkennt Nuhr kein Problem, wenn Politik gegen die Bürgerinteressen unter gleichzeitiger Unterbindung der Bürgerbeteiligung betrieben wird? 

Nuhr sieht in der Tatsache, dass das Internet anonym ist, ein Problem. Wortlaut seines Petitionstextes:

"Jeder kann sich per Tastendruck als Revolutionär fühlen. Das führt zur Renaissance des Lynchmobs und zeigt, wohin es führt, wenn sich anonyme Massen in Bewegung setzen. Verantwortliches Zusammenleben ist nur möglich, wenn jeder für sein Tun haftbar gemacht werden kann."

Zunächst muss richtiggestellt werden, dass die Petition gegen Lanz keine Schäden verursacht hat und dass folglich auch keiner Haften muss. Weiterhin ist die Anonymität auf www.openpetition.de keine vollumfängliche, sodass der Initiator einer Petition dem Plattformbetreiber natürlich bekannt ist. Insofern suggeriert Nuhr hier auch noch unzutreffende Sachverhalte. 

Weiterhin ist es gerade die Anonymität des Netzes, die einen ungetrübten Blick auf Bürgers Meinung sicherstellt. Dieter Nuhr muss schon sehr ignorant sein, wenn er nicht mitbekommen haben will, dass gerade angesichts der NSA-Spionagedebatte hierzulande und weltweit das Recht auf Anonymität bitter zu verteidigen versucht wird. Aber wie meinte Nuhr es selbstdiagnostisch so schön über sich?

"Ich bin ja kein strategischer Denker, sondern eher spontan"

Oder zu Deutsch: Denken und Nachdenken sind nicht seine Sache. Er mag lieber gedankenreduziert daherquatschen. Ein Comedian eben. 

Was einen Comedian von einem Satiriker unterscheidet

Die Initiatorin der Lanz-Petition hat sehr gründlich nachgedacht und fernab aller Spontaneität eine sinnvolle Petition und eine sinnvollen Debatte angestoßen: Inwiefern ist das ö.r. Fernsehen noch neutral, wenn es Moderatoren zulässt, die politische Rede und Gegenrede unterbinden? Dieter Nuhr hat nicht begriffen, dass Markus Lanz lediglich der Aufhänger ist und das sich daran eine grundsätzliche Kritik bahnbricht. Das ist auch der Grund, warum diese Petition noch existiert und Herr Nuhr in den Trollturm verbannt wurde.

Und dass Nuhr im Trollturm gar nicht so falsch untergebracht ist, das meine ich an einer Aussage von Dieter Hildebrandt zu Mario Barth ableiten zu können:

"Ich glaube, dieser Mensch ist abgrundtief dumm." [Süddeutsche]

Ich bin der Überzeugung, dass Dieter Nuhr eher bei Comedians wie Mario Barth anzusiedeln ist, anstatt unter Satirikern wie Pispers, Schramm, Priol & Co.

Dass so ein Comedian in der ARD nun aber als Satiriker dargestellt wird, untergräbt die eigentliche satirische Arbeit (ja - Satire ist schweres Handwerk!) und das ist die Gefahr an dieser scheinbar banalen Geschichte:

Satire bedeutet Nachdenken, Selbstkritik, das Lachen bleibt im Halse stecken, ich fühle mich zum Handeln aufgefordert, zur Aufregung ermuntert. Satire bringt politische Realitäten pointiert zur Sichtbarkeit, das Lachen sorgt für besonders nachhaltiges Verinnerlichen. Satire klärt auf, ermutigt zum eigenen Denken, zu eigener Stellungnahme, zu Wissbegier und Widerspruch. Satire ist bürgerzugewandt, setzt der Politik etwas entgegen. Satire will den Bürger zur Mitgestaltung der Gesellschaft bewegen.

Wenn der echten Satire aber eine Show entgegengesetzt wird, in der so eigenartig unlustige Gestalten wie "Nessi Tausendschön" von einem Pseudosatiriker wie Dieter Nuhr präsentiert werden und diese Show auch noch "Satiregipfel" heißt, dann ist ein Wohlfühlraum für alle geschaffen, die sich echte Satire nicht antun aber nichts desto weniger behaupten wollen, Satire gesehen zu haben. Leute, die dann nach ein paar schlappen Gags von Nuhr & Co. der Auffassung sind, die politischen Realitäten nun viel besser erkennen zu können.

In Wahrheit ist der Satiregipfel ein Gipfel der Unverschämtheit und eine Nichtachtung derjenigen, die anspruchsvolle Satire betreiben. Und ein Beitrag zum Ausbau von Aufregungslosigkeit in der Bevölkerung. Wir erinnern uns: Dieter Nuhr findet Aufregung albern und Dieter Hildebrandt würde sich höchstwahrscheinlich genau über Nuhrs dümmlichen Entspannungsaufruf aufregen. 

Ein Pseudosatiriker verspottet Bürgerbeteiligung und Meinungsäußerung

Und so verspottet Dieter Nuhr nicht etwa die ZDF-Programmdirektion und die gelebte Parteienhetze in einem öffentlich- rechtlichen Sender, sondern er spottet in seiner Petition über diejenigen Bürger, die sich einen Ruck gaben und sich gegen das Parteienbashing äußerten. Nuhr untergräbt dabei diejenigen zarten Bestrebungen in der Öffentlichkeit, die

  • Bürgerbeteiligung im Netz
  • direkte Demokratie (openpetition versucht genau DAS)
  • freie Meinungsäußerung

voranzutreiben versuchen und allzu oft an der Lethargie des deutschen Michels und dem kategorischen und undemokratischen "Nein" der Regierung verzweifeln. Denn das, was Nuhr als Dauerempörung kritisiert, ist doch in Wirklichkeit hierzulande überhaupt nicht vorhanden - die Bürger der Bundesrepublik regen sich doch eher viel zu wenig auf, anstatt dass sie es zuviel und zu ausdauernd täten.

Nuhr redet mit seinem Petitionstext gleichzeitig denjenigen politischen Zielen das Wort, die die Bürgerrechte aktuell in ihrem Kern bedrohen und stellt sich damit als das Gegenteil eines Satirikers dar. Nuhr findet:

  • Netzspionage
  • Vorratsdatenspeicherung
  • tendenziöse Sendungen im ö.r. Fernsehen

indirekterweise also völlig in Ordnung. Nuhr ist ein unreflektierter Tollfinder der aktuellen Zustände. Das alles wäre nicht so schlimm, wenn Nuhr nicht - wie gesagt - in der ARD als Satiriker gehandelt würde.

Ist es ein Zufall, dass Lanz die vorherrschende Politik im ZDF mittels Talkshow medial fördert, während Dieter Nuhr dasselbe um einiges subtiler in der ARD als Pseudosatiriker zu betreiben scheint? Sind Lanz und Nuhr die zwei Seiten einer Medaille, die ihre Zuschauer von der Aufregung über politische Zustände abhalten soll? 

Wahrscheinlich ist den beiden "Spontandenkern" selbst gar nicht bewusst, welche Auswirkungen ihre Auftritte haben und welche Rolle sie im ö.r. Programm spielen sollen. Insofern sei es ihnen verziehen. Aber ARD und ZDF wissen es besser; sie verfolgen eine Strategie. Ihnen sei nicht verziehen: Ihnen wünsche ich noch viel mehr "Quote" durch Bürgerpetitionen - denn auch die Stimmenzahl auf openpetition.de ist eine Quote. Wahrscheinlich sogar noch viel aussagekräftiger als die übliche Einschaltquotenermittlung aus 5000 Haushalten, mit der dann die Behauptung errechnet wird, 3 Millionen hätten "Wetten, dass...?" geschaut!

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