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Bullshit-Bingo, oder: Wie Idioten sich ihr eigenes Urteil sprechen
07.03.2015 10:19

Wer kennt das nicht: Man diskutiert in Foren und plötzlich postet irgendein Schlaumeier ein "Bullshit-Bingo" und meint, damit etwas zur Diskussion beigetragen zu haben. Hat er auch: Er führte den Beweis, dass er ein Idiot ist.

Wieso ist dieser Schlaumeier ein Idiot? Nun, er bildet sich ein, im Entdecken von Schlagwörtern und dem Ankreuzen auf einem Bingo-Blatt, könne er sein Gegenüber als jemanden identifizieren, der Bullshit (zu deutsch: Scheiße) erzählt.

Dass diess natürlich auf simpelste Weise seinerseits als Bullshit zu entlarven ist, wird klar, wenn man all die Phrasen, die laut Spielvorgabe "Bullshit" sein sollen, jemanden aussprechen lässt, der seine Gegenteilige Auffassung unter Bezugnahme auf diesen vermeintlichen "Bullshit" klarzustellen versucht. Er verwendet also in negativer Form die vorgegebenen Phrasen und wird prompt zum Bullshit-Laberer. Und schon erkennt der Bullshit-Bingo-Spieler den Freund als Feind. Ach, wie herrlich muss es doch sein, mit einer gehäuften Portion Dummheit durch die Welt zu laufen und sich auch noch als schlau zu verkaufen...

Ohnehin: Als "Bullshit" wird ja durch den Ersteller dieses Bingo's all das vorgegeben, was er in die Bingokästchen einträgt. Das erspart unserem Anwenderprimaten natürlich das Nachdenken darüber, ob WIRKLICH alles, was dort unter der Rubrik "Bullshit" subsumiert wurde, am Ende auch Bullshit ist. Nehmen wir folgendes Beispiel:

Hieraus greife ich mal beispielsweise den Satz:

  • "Frieden kann es nur mit Putin geben" - das soll also Bullshit sein.

Lesen wir einmal, was Egon Bahr in einem Interview mit der Rheinischen Post sagte:

  • "(...) Es ist doch kein Zufall, dass alle alten Herren, von Henry Kissinger angefangen über Helmut Kohl, Helmut Schmidt und Hans-Dietrich Genscher, mich eingeschlossen, bis hin zu Michail Gorbatschow der Auffassung sind, dass Stabilität in Europa nicht ohne Russland zu erreichen ist."

Nun mag man ja von einigen der aufgezählten Herrschaften meinen, dass der eine oder andere durchaus mehr oder weniger Bullshit in seinem Leben von sich gegeben hat- aber deren politische Strategie damals funktionierte und ihr Einblick in die geopolitschen Realitäten ist auf jeden Fall tiefer, als der des Bingo-Erstellers.

Und folgend die Beweisführung zu meiner Behauptung aus dem zweiten Absatz, Bullshit-Bingo würde auch diejenigen als Bullshitredner denunzieren, die das Gegenteil dessen vertreten, was der dümmliche Bingospieler eifrig auf seinem Papier ankreuzt:

  • "Ich teile die Auffassung von Bahr nicht, dass es Frieden nur mit Putin geben könne. Da Putin nur seine eigenen Landesinteressen vertritt und er nicht anders handelt, als andere Politiker auch, muss man Widerstand leisten. Selbst wenn Obama zugegeben haben sollte, dass er den Maidan angezettelt hat, dann tat er dies nur mit besten Absichten. Und wenn ich das hier schreibe, ist das nun wirklich keine antirussische Hetze."

Habe ich schon 5 voll? Jo! Und habe damit nun Bullshit im Sinne des Spielerstellers gelabert? Jo! Weil ich komplett der gegenteiligen Meinung dessen war, was der Erfinder des Spiels als Bullshit kennzeichnete. BINGO!

Das Bullshit-Bingo ist nur zu Einem in der Lage: Die Partei, die es (meist störend...) verwendet, vom Durchdenken der vorgegebenen Phrasen abzuhalten. Spielerisch werden die Verwender darauf konditioniert, bestimmte Ansichten unreflektiert als Bullshit zu erkennen. Nicht denken, spielen. Und die Freude, die beim erreichten Bingo aufschäumt, verleiht dem Gewinner den Eindruck, dass er sein Gegenüber intellektuell geschlagen habe. Dabei hat er in Wirklichkeit nur in einem schlecht nachgemachten Seniorenspiel erfolgreich 5 Kreuze machen können, weil er zumindest noch Schlagwörter entdecken kann, auch wenn er deren Kontext leider nicht versteht...

Übrigens: Wenn ich mal mit kühlem Kopf die Bullshit-Kästchen lese, komme ich auf 24 durchaus zutreffende Tatsachenbeschreibungen. 12 Phrasen sind recht hohl oder lediglich in Nuancen anders formulierte Doubletten. Mit einer Quote von 67% wird also durchaus Wahres unter dümmliche Phrasen gemischt und das verfehlt sein Ziel sicherlich nicht: Das Ersticken jeder Auseinandersetzung, in der im Optimalfall redliche Kommentatoren selbst erarbeitete Argumenmte austauschen. Aber der Bingospieler und Bildzeitungsleser haut sich vor Lachen auf die Schenkel, postet sein Bingo störend mitten in eine intellektuelle Diskussion und ist am Ende dümmer als zuvor.

Mehr Missachtung der Kommentare von Leuten, die ihre Freizeit nicht mit RTL II und BILD verplempern, sondern mühsam Berichte lesen und aufrichtig diskutieren, geht kaum noch. Jedem Verwender von Bullshit-Bingos empfehle ich, endlich einmal das Denken und soziale Netzverhalten zu lernen.

 

 

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