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1. Mai: Meine zweite Demo in Bremen
01.05.2013 18:45

Um 14:00 Uhr sollte die Demo losgehen. Bereits vor 13 Uhr trafen allerdings schon die "Demo-Neulinge" im Flemings (InterCity-Hotel) ein und wir plauderten ein wenig. Ich lud zu diesem "Vortreffen" ein, damit etwaige unerfahrenen Demonstranten in ungezwungener Atmosphäre Leute kennenlernen könnten und nicht ins kalte Wasser einer Demo springen müssten. Fragen, wie "was haben diese Masken zu bedeuten, die Ihr Euch aufsetzt" oder "muss man eine Demo eigentlich anmelden?" über "wer ist in Frankfurt beim Blockupy dabei" brachten gute Gespräche. Dies funktionierte umso besser, als dass einige routinierte Demogänger ebenfalls zum Vortreffen kamen und aus ihrer Erfahrung berichteten. Danke für Eure Unterstützung.

Als bei einem Mitdemonstranten zum Ende des Vortreffen hin das Handy klingelte, teilte er uns amüsiert mit, dass auf dem Bahnhofsvorplatz mehr Polizisten stünden als Demonstranten. Also brachen wir auf, um das Mengenverhältnis umzukehren. Dort angekommen blieb es allerdings bei einer überschaubaren Truppe.

Aber WAS für eine Truppe: Wir liefen nicht nur die Demo-Route ab, schwenkten Fahnen und skandierten Parolen, nein, einige hatten Mineralwasserflaschen von "Viva con Agua" dabei und verteilten diese an interessierte Passanten. Am Flaschenhals war ein Infoflyer angebracht, der über das Thema "Wasser" informierte. Klasse Idee - hätt ich davon gewusst, ich hätt was zum Kauf mehrerer Flaschen gespendet. Und ich lernte ein ebenso hübsches wie erstaunliches Paar kennen: Zwei junge Schülerinnen aus Verden (oder Nienburg? auf jeden Fall von weiter weg). Sie demonstrierten häufiger, erzählten sie mir. In der Schule dürften sie dann jedes Mal ein Referat über Inhalt und Erlebnisse vor der Schulklasse halten (offenbar unterstütz die Lehrerschaft dieses bewundernswerte Engagement von Schülern). Es tat gut zu sehen, dass es Schüler gibt, die mehr als nur Fernsehen und Mode im Kopf haben und sich stattdessen zu aktuellen Themen engagieren.

Die meisten anderen verteilten Flyer mit Infos zur Sache und dem Hinweis auf die EU-Petition "right2water". Und die unermüdlichen "Nice guys" waren auch wieder mit dabei: Mit einem Unterschriftenstand auf dem Marktplatz sammelten sie Unterschriften für die Wasserpetition (schon fast 1,4 Millionen Unterschriften eu-weit!).

Ist es angesichts solcher Charaktere noch schlimm, wenn die Gesamtzahl der Demonstranten niedrig war? Nein. Dieser wackere Haufen ist Anlass genug, weiter mitzumachen und weitere Leute zu gewinnen.

Ich selber habe auch eine Menge Flyer verteilen können und merkte, dass das Thema Wasserprivatisierung zwar bei der Masse nicht präsent ist - aber es gab doch einige Passanten, die die Petition entweder schon unterzeichnet hatten oder aber dem Thema mäßig informiert aber interessiert gegenüberstanden. Es gab zahlreiche Passanten, die die Petition unterzeichneten.

Ich bemerkte übrigens - Achtung, Marketingtip -, dass junge Paare mit Babys im Kinderwagen sehr empfänglich für das Thema "explodierende Wasserkosten" waren: Ich machte sie auf den Zusammenhang "Waschmaschine" und "scchmutzige Kinderklamotten" aufmerksam ;)

Übrigens auch hier bei meiner zweiten Demo konnte ich feststellen, dass gerade die betagten Bremer und Bremerinnen den Zusammenhang zwischen Privatisierung und Preissteigerung bei gleichzeitiger Qualitätsverschlechterung nicht nur verstanden, sondern mir die Flyer sogar mit interessierter Verärgerung über die drohende Wasserprivatisierung quasi aus der Hand zogen. 

Dies führt mich zu dem Schluss, dass es zwar die Jungen sind, die sich via Facebook und Twitter auf der Straße verabreden - dass aber durchaus eine Menge der Alten hinter den Hausfassaden ebenfalls verärgert ist. Es mag sein, dass ich mich täusche - aber was schadet es schon, wenn ich mich versehe: Ich habe das Gefühl, dass es in der Bevölkerung brodelt. Noch lange nicht die Masse, das ist wahr, aber eine spürbare Menge.

Mein Resümee nach dieser meiner zweiten Demo ist:

  1. Der harte Kern der Demonstranten besteht aus verrückten und unterschiedlichen Leuten - aber allesamt haben sie ihr Herz auf dem richtigen Fleck. Von solchen beherzten Leuten braucht es mehr!
     
  2. Als Demonstrant wird einem eher Sympathie entgegengebracht, als dass man verspottet wird. Hinsichtlich sinnvoller Demo-Themen trifft man auf erstaunliche Offenheit bei den Passanten.
     
  3. Die Politik dringt immer tiefer in Bürgerrechte und die Freiheitlichkeit unseres Staatsgefüges ein - zu protestieren ist mehr denn je eine Bürgerpflicht. Freie Meinungsäußerung und das Recht zur öffentlichen Versammlung sind die einzigen Möglichkeiten, die uns die Politiker zur politischen Mitgestaltung vergönnen - nutzen wir dies, bevor auch dieses kleine Element direkter Demokratie vielleicht in Kürze abgeschafft wird!
     
  4. Am 01.06.2013 bin ich deshalb auch auf der "Indect-Demo" in Bremen.

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